«Da sind Leute, die Europa hassen»: Tucker Carlson zerlegt in Interview US-Aussenpolitik
Er ist wieder überall: Tucker Carlson, einst das beliebteste Aushängeschild des konservativen Senders Fox News, dann unehrenhaft entlassen und in die Selbstständigkeit gezwungen, mischt plötzlich die US-Politik auf – mit Aussagen, die in den USA sonst kaum jemand tätigt.
Carlsons Medienoffensive begann damit, dass sich der Journalist zu Beginn der US-Bombardierungen des Irans vehement gegen die Aktion stellte. Er widersprach Trump und warf dem Präsidenten vor, sein «America First»-Wahlkampfversprechen endgültig gebrochen zu haben, weil er einen neuen Krieg im Nahen Osten begonnen habe. Ausserdem beschuldigte er Trump, sich von Israel für einen Angriff instrumentalisiert haben zu lassen.
Als ob das nicht schon genug Kontroversen ausgelöst hätte, gab Carlson nun aber auch dem «Economist» ein ausführliches Interview. Darin stampft er, der lange als einer der wichtigsten Einflüsterer der Republikaner und Maga-Bewegung galt, die gesamte Aussenpolitik des US-Präsidenten in Grund und Boden.
Plötzlich soll Europa wieder der wichtigste Partner sein
Es sei «kontraproduktiv» gewesen für die natürlichen Ziele der USA, dass man den Europäern habe Grönland wegnehmen wollen. Grund dafür sei, «dass es in der US-Regierung Leute gibt, die Europa wirklich hassen. Und ich verstehe nicht wirklich, wieso». Klar seien Merz, Macron und vor allem Starmer «Trottel». Aber die USA seien das Produkt von Europa und Europa bleibe «auf den fundamentalsten Stufen» den USA am nächsten.
Die USA aber hätten die Umstände kreiert, die zum Ukrainekrieg geführt hätten. «Entschuldigung dafür.» Danach habe man sich zurückgezogen und den Europäern gesagt, das sei jetzt ihr Problem. «Damit drängen wir die Europäer in eine Situation, in der sie keine andere Wahl haben, als sich nach neuen Allianzen umzusehen. Ich vermute, das wird mit China sein», ergänzte Carlson. Nur um später zu fragen:
Carlson forderte eine Neuorientierung der amerikanischen Sicht auf die Welt – und eine neue Allianz mit den Europäern. Auf die Frage der etwas perplexen «Economist»-Chefredaktorin, ob «America First» also bedeute, Europa wieder stärker als Partner einzubinden, antwortete Republikaner Carlson: «Aber selbstverständlich!»
Trump-Nachfolge: Triumphieren am Ende weder Rubio noch Vance?
Für US-Präsident Trump sind diese Aussagen Gift. Denn Carlson stellt nicht mehr einzelne Entscheidungen Trumps in Frage, sondern den strategischen Kern von Trumps Aussenpolitik. Und er tut das aus einer Position heraus, die der Präsident kaum ignorieren kann. Carlson produziert immer noch einen der erfolgreichsten Polit-Podcasts der USA und setzt mit seiner eigenen Online-Sendung vor einem Millionenpublikum die Themen im konservativen Lager. Bis vor kurzem soll er auch regelmässig mit Trump telefoniert haben.
Das macht den Mann für republikanische Partei-Granden gefährlich. Seine zunehmende Positionierung als konservativer Gegenpol zu Trump eröffnet ihm die Möglichkeit, sich als potenzieller Nachfolger eines unbeliebten Präsidenten zu präsentieren, ohne dabei die Maga-Anhänger zu verlieren. Wenn Carlsons Linie an Einfluss gewinnt, verschiebt sich der Konflikt innerhalb der Partei auch weg von Loyalitätsfragen hin zu inhaltlichen Differenzen.
Trump, der seine Entscheidungen innerparteilich bisher kaum begründen musste, kommt dadurch zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Carlson zwingt ihn, Position zu beziehen – und legt offen, dass selbst im republikanischen Lager zentrale Fragen der Aussenpolitik umstritten sind. Immer mehr wird damit auch denkbar, dass das Partei-Establishment um Vance und Rubio vor den nächsten Präsidentschaftswahlen erneut von einem Aussenseiter gekapert wird: Nämlich von Tucker Carlson.
